Wanderer am Weltenrand (Flammarion 1888)
 

Offene Geschichte

Anmerkungen zur Erkenntnis im Alltag - das Ende der Dunkelkammer

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Die Prüfung der Belastbarkeit von Berichten, Wissenschaft, Aussagen und Reportagen

Die Seite Geschichtsvalidität beschäftigt sich mit dem Erkenntnisproblem im Alltag. Wie kann ist feststellen, ob eine Behauptung stimmt? Hier finden Sie Hinweise und ggf. Materialien für sozialwissenschaftlich-kriminalistische Aufklärung.

Kriminalistische und psychologische Tipps für den beruflichen Alltag an alle

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Gesammelte Tipps (forthcoming)

Praktisch umsetzbare Realitätsprüfung statt dem untauglichen Wahrheitsbegriff

Die Erkenntnis der reinen "Wahrheit" als solche (unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung und dem Denken) ist ein unerreichbares Ideal. Niemand kann sie für sich beanspruchen. Trotzdem kann man sich über Sachverhalte verständigen und einen Konsens finden. Hilfreich sind dabei die Kriterien der Belastbarkeit einer Argumentation (Fachausdruck: Validität). Aufdecken kann man Desinformation, Zensur und Propaganda, indem man nachweist, dass solche Argumente und Erzählungen nicht belastbar sind - sie halten der kritischen Prüfung nicht stand. Auf Schweizerdeutsch gibt es einen schönen Ausdruck dafür: "Verhebet's?" Belastbarkeit kann man in 5 Dimensionen untersuchen:

  1. Quellenangaben: Macht der oder die Autor:in Angaben dazu, woher die Informationen stammen und wo man noch mehr davon findet? Liefert er/sie Belege? Sind diese hilfreich und leicht zugänglich? Wenn die Zugangswege zur Information so schwer wie nur möglich gestaltet sind, ist die Information nicht überprüfbar und somit nicht valide.

  2. Formell-sprachliche Verbindlichkeit: Macht der oder die Autor:in verständliche, logische und widerlegbare Sätze oder handelt es sich um ein schmeichelndes Gesäusel, ein verwirrliches Geschwurbel oder um unnötig Hochgestochenes? Phrasen, die alles und nichts gleichzeitig bedeuten können, sind nicht valide.

  3. Innere Konsistenz, Widerspruchsfreiheit: Sind die Ausführungen in sich schlüssig und logisch, oder widerspricht sich der oder die Autor:in selbst? (sog. Duplizität)

  4. Faktizität: Stimmen die Ausführungen mit der Realität, d.h. den dazugehörigen Fakten überein? Nennt der/die Autor:in die belagbaren Fakten und grenzt sie von seiner Interpretation deutlich erkennbar ab?

  5. Ursächlichkeit und Intentionen resp. Motive: Erklären die Ausführungen die Ursachen des Sachverhalts sowie die Motive und Intentionen von Akteuren in schlüssiger und belegter Art und Weise? Oder handelt es sich bloss um Assoziationen und um Pauschalisierungen?

Leider stehen nicht wenige Leute der Aufklärung durchaus feindlich gegenüber und haben sogar eine Lebensphilosophie aus dem Vertuschen und dem Täuschen gemacht, die sie hinter einem angeblich "Guten" verstecken. Dafür gibt es einen grossen Markt, nämlich in der Politik, im sog. anwaltschaftlichen und sensationslüsternen Journalimus, in der Werbung und in den Teppich-Etagen gewisser Konzerne. Am Anfang der Versuchung, der die Vertreter:innen des Obskurantismus erlagen, stehen Ignoranz, Verblendung, Zynismus. Wer die Realität leugnet, verrennt sich aber früher oder später in eine Sackgasse und verstrickt sich in seinen Lebenslügen. Diese haben es nämlich in sich. Sie entfalten ihre eigene Dynamik, in der sich die Person immer mehr verfängt. Glück hat, wer dabei irgendwann auffliegt und sein Leben gezwungenermassen neu orientiert. Wer von diesen Leuten nie aufflog und sich nie korrigieren musste, hatte Pech. Das Verrennen und die Lebenslügen bleiben im Hinterkopf als Abgewehrtes sehr wohl präsent und münden im Alter in einen Endzustand von heimlicher Verzweiflung. Innerlich besser haben es diejenigen, die es wagen, gegen Machenschaften zu protestieren, auch wenn das nicht immer einfach ist.

Weiteres auf Forensic Consulting: Innovative, selbstständig denkende Menschen unter Beschuss.
Aus dem leben gegriffene Beispiele, von denen man viel lernen kann.

Frühling 2022: Forscher am Pranger - zur mitunter zweifelhaften Rolle der Medien

In Spektrum der Wissenschaft hat Hartmann einen spannenden und hochaktuellen Artikel verfasst: "Wenn Fachleute ihre Erkenntnisse zu kontroversen Themen einbringen, werden sie oft zur Zielscheibe von Shitstorms und Hasskampagnen. Darunter leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch Forschung und Lehre. ... Hass schlägt Wissenschaftlern dabei nicht nur von einer Seite des politischen Spektrums entgegen." Presse, Funk und Fernsehen spielen mitunter zweifelhafte Rolle: böswillig stellen sie ein völlig verzerrtes Bild von Forschung dar. Dahinter stehen politische Aktivisten, die aggressiv irgend ein Thema oder ein Eigeninteresse bewirtschaften und dabei gezielt Forscher angreifen.

Zwei Philippikas zum Jahresbeginn 2022

Der Ausdruck "Philippika" stammt aus der Antike und bezeichnet eine leidenschaftliche Rede oder Kritik, in der es um die Bedrohung des Staats geht. Der Römische Konsul und Anwalt Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr) hat ihn populär gemacht. Philipp Gut im Nebelspalter und Philipp Loser im Magazin treten in dessen Fusstapfen. Wenn die Medien sich nicht mehr als vierte Gewalt verstehen und wenn sie eine schrille Aufgeregtheitsberichterstattung in Dienst möglichst vieler Klicks verfolgen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit sehr schnell. Das gleiche gilt für die Wissenschaft und die Universitäten. Vertrauen ist ein kostbares Gut und es ist gleichzeitig sehr verletzlich. Die Frage ist, inwiefern sind Medien und Universitäten bereit, allfällige Fehler und Missgeschicke einzugestehen? M.E. ist die Umkehr ohne Imageschaden möglich. Das zeigte beispielsweise der Spiegel, der die Machenschaften ihres "postfaktischen" Reporters Claas Relotius eingestanden hat.

Zur politischen Dimension methodisch unzulänglicher Narrative

Unzulängliche Methodologie führt dazu, dass nicht nur Akteure falsch dargestellt werden, sondern auch Begriffe, historische Entwicklungen, Forschungspraktiken und Netzwerke. Es entsteht damit ein flimmerndes und missverständliches - abwegiges oder irreführendes oder verfremdetes oder auch vollkommen faktenwidriges - Bild der Realität (je nach dem nur stellenweise oder im grossen Ganzen).

Falsche Narrative provozieren die Auflösung der demokratischen Werte und der universellen Menschenrechte: Die falschen Bilder verschieben die Grenze zwischen einer demokratischen und menschenrechtskonformen Haltung und anderen menschenverachtenden und totalitären Ideologien, indem sie sie vermischen. Fehlerhafte Abbildungen der Realität durch Narrative müssen m.E richtig gestellt werden und die Vorgehensweise der Autoren muss ebenfalls erhellt werden. Das eine geht logischerweise nicht ohne das andere. Nur so wird wissenschaftlicher Fortschritt möglich.

Weitere Artikel zum Obskurantismus in der Wissenschaft

Zum Portal des Staatsarchivs des Kanton Zürich (StAZH)

Zum Portal des Deutschen Bundesarchivs in Berlin (D-BAR)

Zum Portal des Archivs der Max Planck Gesellschaft in Berlin (AMPG)


Zu Bernhard C. Schärs Skandalisierung der Ethnologie und der Männerfreundschaft

Schär widmet sich u.a. der Popularisierung seiner Buches, wodurch sich die Grenze zwischen facts und fiction der Biografien von Fritz und Paul Sarasin endgültig auflöst. Zum ganzen Spektakel wurden auch noch Polit-Aktivist/innen auf die Bühne geladen. Dementsprechend gehen auch die Lesarten in alle Richtungen. Es scheint dass, jede/r gerade das findet, was er oder sie sucht und was ihm ideologisch und geschmacklich in den Kram passt. Zwei Beipiele: Das Buch sei "süffig" geschrieben, meint die Theaterkritikerin Iris Meier. Dagmar Walser findet hingegen, den Text der Inszenierung "künstlich verdichtet und so durchtränkt von den aktuellen Diskursen, dass alle aussen vorbleiben, die diese nicht parat haben". Mit Wissenschaft hat das Ganze nichts mehr zu tun.

Fragen zur Glaubhaftigkeit von Geschichtsschreibung


Offene Geschichte - ein Plädoyer gegen die Dunkelkammer

Die Geschichtswissenschaft entnimmt ihre Rohdaten aus den Archiven und aus Interviews mit Zeitzeugen. Dieses Substrat wäre eigentlich allgemein verständlich, es ist nur schwer zugänglich, weil die Archive elektronisch meistens nur rudimentär erschlossen sind. Dahinter steht ein Mengenproblem, denn es wird ständig neues Material angeliefert, das ebenfalls katalogisiert werden muss. Inhaltlich lässt sich die Dokumente eines Staatsarchivs kaum detailliert verstichworten, man beschränkt sich darauf, die Dokumente chronologisch, nach Hauptthema und vor allem nach dem Nachlass (Person oder Organisation) zu erfassen. Leser/innen von historischen Publikationen müssen derzeit den Wissenschaftler/innen blind vertrauen und davon ausgehen, dass sie die Dokumente adäquat zusammengefasst haben und nicht bloss das herauspicken, was ihre Meinung bestätigt. Das Aufrechterhalten dieser Dunkelkammer ist absolut nicht nötig. Alle Forscher/innen könnten zu ihrem Thema eine Internetseite aufstellen, auf der sie ihre Belege online schalten. Mit der Zeit würden die Archive - eine Dienstleistung der Steuerzahler - viel besser erschlossen. Die Erfahrung der interdisziplinären Arbeitsgruppe "Historiografische Validität" ist diesbezüglich sehr gut. Wenn die Archivfrist abgelaufen ist, erteilen die meisten Archive und Organisationen ohne weiteres die Erlaubnis, Fotos der Dokumente online zu stellen. Dies möchten wir hier in die Wege leiten. Wir fordern - ganz im Sinn der breiten Bewegung an der Universität Zürich - eine demokratische und transparente Geschichtswissenschaft: das Ende der Dunkelkammer.

Stöcklin, St. (4.12.2019). "Debatte: Die Wissenschaft öffnet sich". UZH Journal S. 8-9.

Verlässlichkeit der Geschichtsschreibung

Eine Geschichte muss - wie ein Mosaik aus verschiedenen Steinchen - aus den Belegen aus einer früheren Zeit, rekonstruiert werden. Dazu Seiffert (2006, S.79-80): "Auch in der Geschichtswissenschaft gilt das Gebot, dass Forschungsergebnisse intersubjektiv überprüfbar sein müssen. [...] Denn das Prinzip der Intersubjektivität verlangt ja, dass der Benutzer sich auf die Quellenedition verlassen können muss. Er muss mit der Edition in gewisser Hinsicht so arbeiten können wie mit dem Original, das irgendwo in einer Bibliothek, einem Archiv oder einem Privathaushalt liegt." Die einzelnen Steinchen müssen also dem Augenschein auf das Quellenmaterial standhalten. Das Quellenmaterial wird in der Geschichtswissenschaft mit 'Substrat', in der Juristerei mit 'Fakten' (von lat. 'factum', das was bereits passiert ist) und in der angelsächsischen Rechtstradition mit 'evidence' bezeichnet.

Validität

Um die Glaubhaftigkeit einer Erzählung abzuschätzen, benützen wir den wissenschaftlichen Begriff der Validität. Er bezeichnet die Belastbarkeit einer sprachlichen Aussage. Sind die Informations-Quellen zuverlässig? Ist sie verbindlich und präzise formuliert? Ist sie in sich konsistent? Hält sie dem Vergleich mit anderem Beweismaterial stand? Beruht sie auf kausalen Verknüpfungen?

Letztlich können der Erkenntniswert und die Validität einer Erzählung nur eruiert werden, indem man hinter die Kulissen des Autors auf die Quellenlage blickt. Dies ist mit einem unverhältnismässigen Aufwand verbunden. Geschichtsschreibung ist oft eine Dunkelkammer. So werden hier in ausgewählten Fällen einige Materialien online gestellt.

Mehr zur Herleitung der Dimensionen der Validität in:
Haas, H. (2017). Zur Würdigung des Aussagenbeweises. Kriminalistik, 71(2): S. 117-124.

Geschichtsklitterung

Das Wort "Geschichtsklitterung" stammt aus einem Buch der Renaissance (1575) von Johann Fischart. Es heisst eigentlich "dahin gekleckerte Geschichte" und wurde vom Autor als ein Sprach-Experiment verstanden. Heute benutzt man es für eine falsche Darstellung eines ganzen Mosaiks zu einem Zeit-Thema. Geschichtsklitterung kann ohne böse Absicht passieren, etwa bei Hobby-Historikern, die keine methodische Ausbildung haben. Eine geklitterte Erzählung fällt in der Validitätsprüfung durch, sie hält einem kritischen Blick auf die einzelnen Mosaiksteine nicht stand.

Wissenschaftliches Fehlverhalten, Unlauterkeit, Geschichtsschwindel

Der Unterschied zwischen dem weiteren Begriff 'Geschichtsklitterung' und einem Geschichtsschwindel im engeren Sinn (engl. scientific misconduct), ergibt sich aus der Absicht des Autors, seine Leserschaft zu täuschen oder willkürlich zu urteilen. Hans-Walter Schmuhl (2005, S. 535) subsummiert unter wissenschaftlichem Betrug das Fabrizieren und Frisieren von Daten, die Manipulation der Methoden, oder das Unterschlagen, Verfälschen oder Erfinden von Ergebnissen. Die Wissenschafts-Geschichte hat gezeigt, dass es eine spezielle Wissenschaftsethik braucht. Methodologische Standards alleine genügen nicht. Manchmal werden sie sehr weit (zu weit) gefasst und können ein Abgleiten in unethische Praktiken nicht verhindern. Dazu braucht es weitere Normen, die Willkür und Täuschung, sowie Studien an Unwissenden oder Unwilligen verhindern. Mehrere europäische Länder wie Dänemark, England und Schweden haben inzwischen eigene unabhängige Untersuchungsgremien für schwere misconduct Fälle geschaffen, nachdem sich gezeigt, hatte, dass die Universitäten, dieser Aufgabe zuwenig gut nachgekommen sind (Else 2019).

Sägesser (2014, Rn 50) resümierte die juristische Definition von Täuschung:
"... jedes Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, bei einem anderen durch Einwirken auf dessen psychische Vorstellung eine von der Wirklichkeit abweichende Vorstellung hervorzurufen. Erfasst ist damit jedes ausdrückliche oder stillschweigende Vorspiegeln oder Unterdrücken von Tatsachen bzw. Bestärken in einem Irrtum. Besondere Anforderungen an die Art des Einwirkens bestehen keine, so dass sie jedes Verhalten erfassen, dem ein Erklärungswert hinsichtlich Tatsachen zukommt."
(vgl. BGE 80 IV 156).

Willkür wird zunächst als Bruch des Verfassungsprinzips von Treu und Glaube (bona fides) definiert. Im Verwaltungsrecht wurde dazu präzisiert (Kantonales Sozialamt Zürich):
"Willkür bedeutet Entscheiden nach Belieben, ohne Ausrichtung an einem Massstab, an allgemeingültigen Gerechtigkeitsvorstellungen. Ein Willkürakt verletzt elementare Gerechtigkeitserwartungen und entzieht sich jeder vernünftigen Begründung."

Eine plumpe Geschichtsfälschung versucht, ein Mosaik mit grossen unbelegten oder manipulierten Versatzstücken zu fabrizieren. Typische Beispiele für mehr oder weniger erfundene Stories findet man im Journalismus (Claas Relotius) oder in angeblichen Autobiografien ("Binjamin Wilkomirski" alias Bruno Dössecker). Ein akademischer Geschichtsschwindel hingegen kann zwar Fakten vorweisen, sie sind jedoch so herausgepickt worden, dass sie die Hypothesen suggestiv zu bestätigen scheinen. Akademische Täter/innen setzen auf gezielte Auslassungen und nehmen eine besonders feine Stückelung der Mosaiksteinchen vor. An strategisch wichtigen Stellen werden sie vereinzelt eines oder wenige unzutreffende Wörter einfügen, die dem Publikum wie eine Zusammenfassung oder ein Kommentar erscheinen. Historische Fakten, die den Thesen widersprechen aber nicht verheimlicht werden können, werden kurzerhand in einen unzutreffenden Kontext gestellt, um sie mit ad hoc erfundenen moralischen Sollvorschriften oder mit einem allgemeinen Schmutzwerfen auf die Person zu diskreditieren. Ein akademisches Artefakt ist einem impressionistischen Gemälde vergleichbar, in welchem das Publikum bestimmte Szenen zu erkennen vermeint. Nur beim näheren Hinsehen auf die einzelnen Sätze und im Abgleich mit der Quellenlage entdeckt man die Ungereimtheiten zwischen den 'Pinselstrichen' und dem Substrat. Für Journalismus, Kunst und Wissenschaft gelten je andere Spielregeln.

Ein aktuell verbreiteter modus operandi von Geschichtsfälschung beruht auf den Mechanismen der Skandalierung, einer Ansammlung rhetorischer und psycholinguistischer Tricks, mit denen faktenwidrig der Eindruck einer 'erwiesenen Geschichte' erweckt wird. Die Techniken des Insinuierens, Auslassens, Aufbauschens, Maskierens, Verzerrens und Diskreditierens zielen darauf ab, eine falsche Darstellung zu fabrizieren, ohne dass sie von den Betroffenen als Ehrverletzung einklagbar wird. Dazu mehr in den Forschungen von Hans Mathias Kepplinger zur Skandalisierung.

Eine raffinierte Geschichtsklitterung entfacht Polemiken, indem sie vergangene Akteure anhand ad hoc erfundener Soll-Vorschriften misst. Um einen gut dokumentierten Lebenssachverhalt, der seinen Thesen widerspricht, zu diskreditieren, entwirft der Autor am Reissbrett eine idiosynkratische "Norm", die verletzt worden sei. Damit wird das fundamentale Prinzip des römischen Rechts "nulla poena sine lege" verletzt. Der erfundene 'Tatbestand' ist dabei jenseits gültiger Normen konzipiert, an denen sich die Damaligen orientierten, wenn sie sich ethisch korrekt verhielten: beispielsweise jenseits der ärztlichen Standesethik, jenseits des allgemeinen Konsens (z.B. der geistigen Landesverteidigung) oder im Widerspruch zu demokratisch erlassenen Gesetzen und Verordnungen. Josef Mooser (1997) zeigte diese Skandalierungstechnik an einem Beispiel auf. Eine weit herum bekannte historische Diskontinuität, die schweizerische Abgrenzung gegen das 3. Reich mit der geistigen Landesverteidigung, wird diskreditiert, indem sie inhaltlich ignoriert oder heruntergespielt wird und stattdessen neu die dazu verwendete Methode kritisiert wird. Mooser schrieb (S. 687): "Gleichsam ins Herz ihrer historischen Tradition stiess die polemische These von Hans Ulrich Jost über den 'helvetischen Totalitarismus': Die 'Anpassung breiter Volksschichten' und von Teilen der Eliten sowie des politischen Systems an den nationalsozialistischen Feind selbst im Streben nach nationaler Unabhängigkeit, weil in der Abwehr Elemente der politischen Kultur des Gegners übernommen wurden. Diese Aussage über die Vertreibung des Teufels mit Belzebub entwertete das Selbstbild einer politischen Generation."

Eine weitere Technik der Geschichtsklitterung besteht darin, reine 'Verflechtungen' und 'Verstrickungen' zu orten und aufzubauschen. Sie beruht darauf, dass Korrelationen und Verbindungen sehr oft nicht ursächlich begründet sind, aber auf die Betrachter prima facie so wirken. So kann jeglicher Kontakt mit inkriminierten Personen/Institutionen als 'Beleg' für eine angebliche historische oder politische Schuld missbraucht werden. Etwa werden Briefe von Deutschen während des 3. Reichs als Quellen für "Verflechtungen" zitiert, unabhängig von deren Inhalt. Damalige Oppositionelle innerhalb des Reichs werden aufgrund unausweichlicher biografischer Momente oder abgepresster Anpassungen als suspekt präsentiert - unter Auslassung ihrer mutigen Taten.

Literatur zur Methodik der Geschichtswissenschaft und zu Pseudowissenschaft


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 © Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Historiografische Validität am 5. Nov. 2021